Die Galerie 99 aus Aschaffenburg präsentiert schon seit mehreren Jahren chinesische Künstler und Künstlerinnen abseits vom hypigen Großstadtgetümmel

WuYi
Kunst, die in Museen und Kunsthallen gezeigt wird, wie in Großstädten wie Hamburg, Wien oder Paris, hat es geschafft. Egal ob historische Schauen oder Zeitgenössisches: einmal in den Kunsttempeln geadelt, ist ihr die Aufmerksamkeit des Publikums sicher. So ergeht es derzeit künstlerischem Schaffen aus China. Wer als Museumsleiterin oder –chef etwas auf sich hält, kommt nicht umhin, sich an diesen Trend anzuhängen. Und tatsächlich gibt es vieles zu sehen, was Staunen lässt. Alleine schon die sehr bald gewonnene Erkenntnis, dass sich die chinesischen Kulturschaffenden mit der westlichen Kunst intensiv auseinandersetzen und diese in ihren Werken verarbeiten. Kennen Sie hingegen westliche Künstler, die sich mit der chinesischen Kunstgeschichte intensiv auseinandersetzen? Nun, was es über die allseits bekannten und beworbenen Großevents hinaus jedoch zu berichten gibt, lässt ebenfalls aufhorchen. Denn in Aschaffenburg hat sich seit sieben Jahren eine Galerie etabliert, die sich fast ausschließlich der Präsentation und Vermittlung chinesischer Kunst widmet. Ganz abseits von medienwirksamen Großereignissen mit öffentlichen Geldern wird hier vorexerziert, was es heißt, sich einer Idee und ihrer Verbreitung zu verschreiben. Der eher technokratisch gewählte Namen lässt keine Rückschlüsse auf das Programm der Galerie zu, die Liste der gezeigten Künstler aber schon: Zhang Wan, Zhou Shilin, Xie Dongming, Yan Yang, Feng Jiali, Yuan Y.M., Li Jin oder Gao Quiang sind nur einige Namen von Kunstschaffenden, die bisher ihre Werke in der Galerie gezeigt haben. Was auf der Documenta mit großem Gedöns als Kunstwerk proklamiert wurde, die Einladung von Künstlern aus China nach Deutschland, wird in Aschaffenburg ohne großes Aufhebens seit
langem praktiziert. Viele der Künstlerinnen und Künstler kommen zu ihrer Ausstellung nach Aschaffenburg, um hier auch einige Zeit im galerieeigenen Atelier zu arbeiten und Deutschland kennen zu lernen.
Die aktuelle Ausstellung bestreitet der 41jährige Wu Yi, laut Einladung einer der etabliertesten Künstler Chinas, mit 20 neuen Tuschearbeiten. Im Gegensatz zu früheren Werken, veröffentlicht in einigen schönen Katalogen, widmet sich Wu Yi hier einem eher traditionell angelegten Zyklus. „Plainness“ – zu Deutsch Einfachheit, Schlichtheit aber auch Offenheit – ist als Titel, gut ausgesucht und verweist auf das gewählte Bildprogramm. Wu Yi zeigt in dieser Serie Bilder von drei alten Männern, gewandet in traditionelle chinesische Tracht, die sich verschiedenen Freuden des Lebens hingeben. Dazu gehört neben dem Betrachten von Felsen auch das Staunen über eine fauchende Eisenbahn oder die Lust am Schaukelpferdschaukeln. Zu dritt, in Formation, schaukeln die alten Herren ruhig vor sich hin und haben offenbar großen Spaß daran. Auf die Frage, was denn damit gemeint sei, antwortete der Künstler mit dem breitesten asiatischen Lächeln, das man sich vorstellen kann – „als Kind sitzt man gern auf dem Schaukelpferd, und wenn man alt ist, mach man wieder das, was man als Kind gern gemacht hat“. Die Antwort sitzt – und lehnt sich an den Ausstellungstitel nahtlos an. Die Einfachheit, mit der Wu Yi hier aber Geschichten erzählt, drängt auch unweigerlich zur Frage: Ist diese Art von künstlerischer Deskription eigentlich in der zeitgenössischen Kunst noch zulässig? Ein alter Chinese auf einem bunten Fallschirm schwebend, die Arme ausgebreitet und in den Händen je einen Strauß roter Blumen, ein anderer in einem einfachen Boot auf dem Wasser – wie er einen Luftballon
betrachtet, den er an einer Schnur hält, ein Greis dem ein schwarzer Vogel ruhig auf seinem Kopf sitzt – tituliert als Akrobatik. Den Kopf voll zeitgenössischer, problemaufgreifender Kunst, ist man fassungslos ob dieser Darbietung. Hier erzählt einer doch tatsächlich Geschichten vom erfüllten Altern. Geschichten von Freundschaft, kindlichem Staunen, das wiedererlebt werden darf in fortgeschrittenen Dezennien, Geschichten von erfülltem Lebensgefühl abseits von Konsum und Schnelllebigkeit. Keine Spur von Hiobsbotschaften rund um Rentenunerfüllbarkeit, geriatrischen Abschiebestationen und depressivem Alzheimerverlöschen. Die sparsam eingesetzten graphischen und malerischen Gesten spiegeln sich ebenfalls wieder in der Titelgebung und bezeugen, dass Wu Yi das Handwerk der chinesischen Tuschemalerei beherrscht. Manches Mal tut es einfach gut, positive Geschichten erzählt zu bekommen. Das weiß auch Wu Yi.
Hier finden Sie näheres über die Ausstellung und die Galerie: Galerie 99
